Bhavatu Sabba Mangalam

Einsatz in der Großküche

Einsatz in der Großküche

Eigentlich habe ich gedacht, dass mit meiner Ankunft in Graz der letzte Eintrag hier auf den |Randfragen geschrieben sei. Aber ich hätte es besser wissen müssen. Wann ist denn die eine Reise, die des Lebens, schon wirklich vorbei? So ergibt eine Sache die nächste und ich bin schon wieder unterwegs, diesmal weniger mit Rucksack und auf der blauen Murmel, als mehr mit meinem neuen, froschgrünen Sitzkissen und bei der Erforschung meiner inneren Pfade… Auf Hawaii erlernte ich ja die Vipassana-Meditationsmethode und berichtete darüber ausführlich hier im Blog. Damals schon meinte ich, dass diese Erfahrung eine wichtige gewesen war und sich wohl Auswirkungen auch in der Zukunft zeitigen werden. Nun, aus der Zukunft wurde die Gegenwart und mittlerweile ist diese auch schon wieder vergangen, aber ich möchte gerne einen kurzen Rückblick geben was in den letzten Tagen für mich so passiert ist: Nachdem ich drei Wochen schon wieder in Graz war und mich mit sehr vielen Menschen getroffen hatte – worüber ich mich sehr freute, was aber auch sehr anstrengend gewesen ist –, freute ich mich schon auf eine kleine Auszeit, auf meinen diesjährigen Meditationskurs. Wieder zehn Tage schweigend versunken sich selbst im Innersten bereisen, diesmal nicht auf einer Tropeninsel , sondern in den steirischen Bergen bei Mariazell. Als ich mich registrierte, da fragte man mich, ob ich auch bereit sei diesmal Service zu geben. Ich hatte Grund zu der Annahme, dass bei diesem Kurs etwa 20 Leute dabei sein werden, also eine überschaubare Zahl, und ich erinnerte mich auch noch gut daran wie wichtig mir auf Hawaii die Server waren. Sie halten alle Aufgaben des täglichen Lebens komplett fern von den Meditierenden, kümmern sich um alles, sodass sich die „Sitzenden“ komplett auf ihre Aufgabe konzentrieren können und nur zu den fertig gerichteten Mahlzeiten gerufen werden. Ich wollte mich also dafür revanchieren und auch anderen die Möglichkeit bieten von diesem Service zu profitieren. Man sagte mir, dass man mich gerne in der Küche hätte. Das machte allerdings wenig Sinn, denn wenn ich es schon einmal schaffe kein Wasser anbrennen zu lassen, dann ist das schon eine kleine Sensation. Doch meine Bedenken wurden vom Tisch gefegt, „alles halb so wild“ hieß es. Außerdem werden ja nicht mehr als 20 Leute kommen, das dachte ich zu dem Zeitpunkt immer noch. Also nahm das Schicksal seinen Lauf und ich landete in der Küche. Und erfuhr, dass meine Annahmen leicht falsch waren. Schließlich mussten wir, das Küchenteam, für 140 Leute kochen, diese hatten allerdings die ganzen zehn Tage über so einen Appetit, dass wir schon bald bis zu 180 Portionen täglich zubereiten mussten. Nicht nur für mich war es das erste Mal in einer Großküche, einen Profi hatten wir gar nicht dabei, von einem Dutzend Helfer hatten so in etwa zweieinhalb Küchenerfahrung, aber wir lösten alle unsere Aufgaben beinahe vorbildlich – und friedlich, in all den zehn Tagen gaben es keinen merklichen Streit oder Unmut. Aber dieses Service ging an die Substanz so mancher, besonders an meine, und so kam es, dass ich vor allem die erste Hälfte des Kurses abends komplett ausgelaugt ins Bett fiel. All das führte stetig zu den Ereignissen des fünften Tages, die ich so schnell wohl nicht vergessen werde und auch nicht vergessen kann.

Tag fünf

Für 140 Leute kochen ist anstrengend, meditieren, in diesem Umfang, ist anstrengend, beides zusammen führte mich an meine Grenzen. In der Küche musste man immer Vollgas geben (wer schon einmal in einer Großküche gearbeitet hat, der weiß wovon ich spreche), eine Minute später sollte man schon wieder ruhig und gleichmütig eine Stunde still sitzen, nur um danach gleich wieder in der Küche aufs Gas zu steigen. Am Abend des fünften Tages saß ich also mit allen anderen in der Meditationshalle und merkte, dass meine Aufmerksamkeit nachließ. Ich versuchte mich auf das Empfinden von Körpergefühlen zu konzentrieren, aber ich nahm, wie sonst eigentlich auch immer, nur sehr große Bereiche und grobe Empfindungen wahr. Was dann geschah, fällt mir schwer zu beschreiben, denn dafür fehlen schlicht die Worte. Es war eine Erfahrung die weit über alles hinausging, was ich bisher erlebt habe und worüber man sich mit Menschen unterhält, dennoch versuche ich mich nun sprachlich anzunähern. Ich saß also da und merkte, wie mein Körperbewusstsein müde wurde und aus meiner Wahrnehmung driftete. Als nächstes nahm mein geistiges Bewusstsein ab, doch als diese beiden Wahrnehmungen nur noch schwach vorhanden waren, da offenbarte sich plötzlich eine andere Art Bewusstsein, ich nenne es einmal Beobachtendes Bewusstsein. Dieses ist von meinem eigentlichen Bewusstsein sehr verschieden, denn letzteres definiert sich über ein ständig präsentes Ich. Doch diesmal sah ich mein Ich, es konnte also nicht das Ich sein, dass das Ich beobachtete. Welches Bewusstsein war erwacht? Ich weiß es nicht und ich tue mir selbst noch schwer mit dieser Erfahrung, aber ich hatte damals wenig Zeit um mich darüber zu wundern. Als erstes nahm dieses Beobachtende Bewusstsein meinen Körper immer feiner und feiner wahr. Von den groben Wahrnehmungen war nicht mehr viel übrig, mein ganzer Körper vibrierte fein und jede Empfindung war nicht größer als ein Sandkorn. Meine Wahrnehmung wurde schärfer und ich drang immer tiefer in meinen Körper ein. Ich erkannte, dass ich keine solide Masse bin, sondern aus winzigen, schwingenden Teilchen bestehe. Während ich – nein, nicht ich, das Beobachtende Bewusstsein – tiefer und tiefer in mich blickte, sah ich etwas wie eine Barriere, wie einen Fluss. Es war mein Ich. Es sah auf den ersten Blick wie ein Band aus, stetig, solide, eigenständig. Doch meine Wahrnehmung schärfte sich weiter und ich erkannte, dass mein Ich kein beständiges Phänomen ist. Die vibrierenden Teilchen, aus denen ich bestehe, aus denen wir alle bestehen, sie sind es, die mein Ich erzeugen. Ich konnte sehen, wie diese Teilchen, ich denke in der Lehre werden sie Galapas genannt, ständig neu entstanden und wieder zerfielen, in rasender Geschwindigkeit sah ich einen permanenten Wandel vor meinem inneren Auge. Und jedes Entstehen, jedes Vergehen erzeugte eine Reaktion, ein daran Festhalten oder Ablehnen und daraus entstand mein Ich, mein Ego. Meine Wahrnehmung wurde immer noch feiner und ich sah sehr deutlich, dass dieses Ich keine beständige Eigenschaft hat. Es war überhaupt nicht solide und ich sank durch die auftauchenden und verschwindenden Momente meiner „Icherzeugung“ hindurch und ließ diese Barriere hinter mir. Und dann hatte ich meinen ersten bewussten Kontakt mit dem, was man Unterbewusstsein nennt. Ich bin mir sicher, dass dort neben den unschönen auch die schönen Momente lagern, aber ich hatte diesmal nicht das Glück, an einer angenehmen Stelle angekommen zu sein. Als ich ein weites Feld voll negativer Erinnerungen überblickte, da begannen sich auch schon die ersten, tief verborgenen Geschehnisse zu lösen und drängten sich meiner Wahrnehmung auf. Ich sah viele unschöne Dinge und nicht einmal nur aus meinem Leben. Ob es Erinnerungen aus anderen Leben waren? Aus meinen, oder den von anderen? Ich weiß es nicht und letztlich ist es auch unerheblich, denn Vipassana ist die Kunst Dinge so zu sehen wie sie sind, sie zu beobachten, sie nicht zu unterdrücken und ihnen keinen Ausdruck zu verleihen. Also tat ich, wofür ich nach Mariazell gekommen war: ich beobachtete mich. Die „Erinnerungen“ in meinem Unterbewusstsein lösten unangenehme körperliche Reaktionen aus. Mein Puls stieg, mein Blutdruck stieg umso mehr, meine Atmung wurde flach und gepresst, eine hässlich dunkle Depression nahm mich in Empfang und ich merkte, wie ich immer schneller zwischen den nicht erwünschten Formen von Ausdruck – ich wollte laut losweinen – und Vermeidung – ich wollte mich von dieser Erfahrung abwenden – oszillierte. Ich versuchte mich darauf zu besinnen dieses Ereignis einfach nur zu observieren… Doch nach wenigen Minuten (zumindest kam es mir so vor, in Wahrheit kann ich nicht annähernd sagen wie lange es wirklich gedauert hat) war meine gesamte mentale Energie verbraucht. Ich war so erschöpft wie schon lange nicht mehr, meine Scheitellappen fühlten sich wie in einer Presse eingeklemmt an und ich fragte beim Assistenzlehrer nach ob ich mich zur Ruhe begeben könne. Er ließ mich gehen, bot mir noch Gesprächszeit an, sollten Fragen zu meinem Erlebnis auftauchen und wollte mir auch den nächsten Tag frei geben. Ich schlief unruhig ein und wachte genau so erschöpft auf wie am Abend zuvor war, doch ich wollte nicht weiter ruhen, ich wollte nicht aus dem Rhythmus aussteigen, also stand ich auf, ging in die Küche und machte weiter wie bisher. Und beobachtete mich.

Illusion des Ichs

Was auch immer in jenen Minuten geschah, wer oder was auch immer dieses Beobachtende Bewusstsein war, mit dem ich mich, mein Ich und mein Unterbewusstsein „sah“, es war eine einmalige Erfahrung auf die ich in keiner Weise vorbereitet war. Doch ganz egal wie furchteinflößend oder erhebend man so eine Erfahrung findet, eines ist gewiss: sie ist nicht von Dauer. Alles, wirklich alles, unterliegt dem einzig Stetem im ganzen Kosmos: dem Wandel. Auch ich werde eines Tages vergehen, aber ich sehe dem schon viel gelassener entgegen, denn mein Ich vergeht auch so schon von Moment zu Moment. Der Tod wird da nicht viel anders sein, denn auch er ist nur ein Konzept.

Bhavatu Sabba Mangalam – Mögen alle Wesen glücklich sein

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2 Gedanken zu „Bhavatu Sabba Mangalam

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