Epilog

946 Tage später: Mission geglückt

946 Tage später: Mission geglückt

Europa fühlt sich für mich extrem hoch getaktet an, mit wenig bis keinem Spielraum für…ja für was eigentlich? Für das Leben, das Innehalten, das bloß Sein, das sich und andere Kennenlernen, für all die vielen Farben und Nuancen zwischen Schwarz und Weiß. Europa fühlt sich für mich an, als ob immer alles passen muss, definiert, erklärt und benannt sein muss. Ich sehe keinen Platz für Unschärfe. Das finde ich schade, weil man dadurch vom Wunder Leben, mit all seinen Widersprüchen und Unvereinbarkeiten, vieles versäumt. Ich versuche mir ein wenig dieser bunten Welt, die ich so oft vorfand, zu erhalten, aber ob mir das auf Dauer in diesem Umfeld gelingen wird? Man wird sehen…Bevor ich von Graz aufgebrochen bin, da haben mich einige Leute gefragt, ob ich vor etwas weglaufen würde. Ich habe in meinem ersten Blogeintrag darauf reagiert und gemeint, dass ich nur weiß, dass mir mein „altes“ Leben nicht passt, ich aber davon ausgehe, meinen Platz zu finden und bis dahin einfach mal alles hinter mir liegen und stehen lasse um mich neu zu orientieren. Dieser Entschluss löste eine Kette von Ereignissen aus, die ich unmöglich vollständig hier wiedergeben kann, das würde jeden Rahmen sprengen. Aber Indien soll als Stellvertreter für all diese Weggabelungen, für diese Momente, in denen mir der Wandel bewusst wurde, stehen.

Sich selbst kennenlernen

In Indien, da kann jeder sein wie er will, viele versuchen und probieren sich aus, doch dafür war ich schon zu alt, hatte ich schon zu viele Versuche mich selbst zu definieren hinter mir. Doch eine Sache hatte ich in meinem Leben noch nie versucht: einfach bloß sein. Und aus all den Möglichkeiten mich zu definieren wählte ich schließlich keine und begegnete mir dadurch erstmals in meinem Leben selbst. Meine Reise war gut um erwachsener zu werden. Das heißt für mich unter anderem sich nicht mehr alle Optionen offen zu halten, sondern klar zu erkennen was man in diesem Leben nicht mehr will und nicht mehr werden wird. Aus Indien schrieb ich folgende Zeilen an Freunde in der Heimat:

Nun, die letzten zwei Monate in Hampi habe ich wieder viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich bisher in meinem Leben immer versucht habe mir möglichst viele Optionen offen zuhalten. Das war auch gut so, denn sonst hätte ich vermutlich bereits früh ein Leben gewählt und geführt an dem ich nun verzweifeln würde. Aber mir wurde auch klar, dass ich nicht ewig alle Optionen offen halten kann, oder anders ausgedrückt: Älter werden bedeutet für mich nicht mehr zu überlegen was man noch alles tun und werden kann, sondern zu begreifen, was man nicht ist, was man nicht will und was man in diesem Leben auch nicht mehr sein wird. Denn wer sich ewig alle Optionen offen hält, der hat am Ende in Wahrheit nie etwas gemacht. […] Für mich fühlt es sich wie eine Erleichterung an, wenn ich nun sage, dass ich mir nicht mehr alle Optionen offen halten will, denn, wie gesagt, wer sich ewig mit der Frage „was wäre wenn?“ beschäftigt, der wird nicht dazu kommen zu leben.

Meine Reise war also eine Reise weg von alten Zwängen, Gewohnheiten und Anhaftungen. Doch nun folgt die schwierige Aufgabe: Wohin mit der neuen Freiheit, sich welcher (Lebens)Aufgabe zuwenden? Es lauert die Gefahr, sich in Fantasien zu verrennen. Das Gestern ist passé, nur eine Erinnerung, das Morgen ist ungewiss, nur eine Fantasie. Das Jetzt ist das einzige, das wir wirklich (er)leben, doch fehlt mir, fehlt wohl vielen anderen auch, die Achtsamkeit und das Gewahrsein das immer so zu erkennen.

Frage und Antwort

Gewiss, Planung ist die geistige Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse, doch wie viel davon tut gut, ab welchem Zeitpunkt wird die Imagination zur quälenden und nie zu erreichenden Zielvorgabe? Meine Reise warf viele Fragen auf, mehr noch als sie Antworten gab, doch weiß ich auch, dass es darauf nicht ankommt. Viel wichtiger als die richtigen Antworten zu bekommen ist es, die richtigen Fragen zu stellen und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Frage bereits in mir verborgen liegt. Also bin ich gerade auf dem Weg um mein Inneres zu entsperren und Ruhe zu finden. Damit habe ich auf dieser Reise angefangen und höre hoffentlich Zeit meines Lebens nicht mehr damit auf. Ich habe auch erfahren, dass ein und dieselbe Sache ganz verschieden wahrgenommen werden kann – für mich hängt es nur mehr davon ab, welchen Weg zu dieser Sichtweise ich abgeschritten bin. In seiner Konsequenz bedeutet das, dass alle Dinge leer sind, wir Betrachter sie erst füllen. So kann es kommen, dass dieselbe Sache, sogar für denselben Menschen, einmal pures Entzücken und einmal blankes Entsetzen hervorruft. Die Essenz daraus? Wir sollten aufhören unsere Welt zu konstruieren, denn diese Konstrukte sind die Ursachen für so viel Leid. Und wenn wir schon nicht anders können, dann sollten wir wenigstens mehr Fantasie beweisen und eine schönere Welt erschaffen, denn es existieren keine Unterschiede: wir lieben gleich, wir leiden gleich, uns treibt dieselbe Hoffnung und es plagen uns dieselben Ängste. Was uns unterscheidet, das ist alles nur konstruiert, real zwar, ja, aber nicht notwendig. Wenn wir uns also frei dazu entschieden haben unsere Welt so zu sehen und zu bauen wie wir sie nun eben sehen und bauen, wieso entscheiden wir uns dann nicht ganz einfach dazu es anders zu tun? Mit weniger Hass, Neid und Ignoranz. Dafür mit mehr Verständnis und Mitgefühl, uns selbst und unseren Mitmenschen gegenüber. Schließlich sind wir nicht nur weniger verschieden als man uns jeden Tag einzureden versucht, wir sind schlicht alle gemeinsam eins, unteilbar. Betrifft es einen, betrifft es alle, das separate Ich ist schlicht Illusion. Ich kann niemanden davon überzeugen, ich kann niemanden dazu zwingen, wer bereit ist, wird es selbst erfahren und wer noch nicht dazu bereit ist eben nicht. Beides ist in Ordnung. Aber was ich tun kann, das ist zu sagen, dass es mehr gibt als nur das, was man uns jeden Tag als richtig oder falsch, gut oder böse, erstrebens- oder verachtenswert vorsetzt.

Dankbar

Ich bin dankbar für diese Erfahrung; meinen Eltern dankbar für meine Zeugung und Aufzucht, meiner Familie dankbar, dass sie mich stets forderte und förderte, meinen Freunden dankbar, dass sie mich akzeptieren wie ich bin, ganz besonders dankbar bin ich all meinen Feinden, denn von ihnen hört man am ehrlichsten wer man ist – und sie sind es, an denen mein Mitgefühl am meisten wuchs. Und schließlich möchte ich mir selbst danken, für die Möglichkeit die ich erkannt und ergriffen habe.

So schließt sich der Kreis und der Beginn eines neuen Lebensabschnitts ist auch zugleich das Ende dieser Reise.

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2 Gedanken zu „Epilog

  1. Felicitaciones, Puppe!
    Largo camino recorrido, principalmente, en tu búsqueda personal.
    Todo tiene que terminar para volver al comenzar, el ciclo de la vida…
    Welcome home, welcome to the world…the world is your home now.
    Live now…as you have already seen…time is so relative…you lived a lifetime in 946 Tage ;)
    Eichhörnchen und…w w ;) take care of you!!

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