Kalter Krieg im heißen Kuba

IMG_4130_v1Am Anfang lief alles glatt. Das tut es immer bei diesen Geschichten die dann eine scharfe Wende nehmen. Meine Reise nach Kuba führte mich zuerst in die kubanische Botschaft in Buenos Aires. Keine Sicherheitsschleuse, keine Waffen, einfach rein, Visum beantragt und fünf Minuten später wieder raus marschiert. Das war einfach. Als nächstes ging es von Montevideo aus über Lima, Bogota und zwei verschiedene Tage nach Havanna. Eigentlich schon eine prädestinierte Sache um etwas schief gehen zu lassen. Aber alles war bestens. Ich habe keinen Flug verpasst, musste nie zum Boarding hetzen oder mich mit einem verlorenen Gepäck ärgern – letzteres schaffte es zu meiner Überraschung pünktlich, unbeschadet und ohne mich den ganzen Weg bis nach Kuba. Im Anflug auf die Insel sah ich zum ersten Mal in meinem Leben die Karibik mit eigenen Augen (am Flug New Jersey – Bogota letztes Jahr muss ich wohl geschlafen haben) und das türkisfarbene Meer ist bei weitem kein Marketinggag, das sieht tatsächlich so atemberaubend aus. Als ich aus dem Flieger stieg, da wehte mir ein tropischer schwül-heißer Windhauch um die Ohren und die grünen Palmen wiegten sich sanft vor dem kontrastreichen blauen Mittagshimmel. Karibiktraum pur, wie es sein soll. Ich lächelte, freute mich auf die nächsten Schritte und machte mich auf den Weg zur Einreisebehörde um die Formalitäten zu erledigen. Alles schon tausendmal gemacht, alles kein Problem. Diesmal nicht. Es artete aus. Am Weg zum Immigrationsschalter passte mich eine Dame ab und wollte meinen Pass sehen. Sie fing an Fragen zu stellen. Und ich musste höllisch aufpassen. Zwei Dinge musste ich auf alle Fälle vermeiden. Erstens, zu erwähnen, dass ich keinen Job habe. Das macht mich formal arbeitslos und das kann Probleme geben. Das größere Problem bestand aber darin, dass ich nur ein Touristenvisum hatte. Mit diesem darf man nur in Hotels absteigen, bei Privatpersonen darf man sich damit nicht einquartieren. Aber natürlich hatte ich mich per Internet mit einem privaten Host in Havanna verabredet. Nun hieß es kühlen Kopf bewahren. Prinzipiell will ich ja das kubanische Regime vor den negativen Einflüssen der Imperialisten schützen, doch primär gilt es das eigene Volk vor seinem Diktator zu schützen. Ich durfte auf keinen Fall sagen, dass ich bei einer Privatperson, nennen wir sie „Maria“, absteigen werde. Doch zu Beginn beschränkte sich alles auf die eher einfachen Fragen. Name, Land, Profession, Grund der Einreise etc. pp. Was mich sofort misstrauisch machte war, dass die Dame Notizen anfertigte. Ich musste also eine Geschichte erzählen die Maria schützt, aber trotzdem nahe an der Wahrheit war, wollte ich mich nicht in Widersprüche verwickeln. Am Ende lächelte mich die „Offizielle“ an und lies mich zur Immigration weiter, nicht ohne mich noch in Kuba willkommen zu heißen. Stempel in den Pass, Rucksack am Gepäcksband aufgegabelt, zum Ausgang marschiert. Plötzlich: ein Uniformierter hält mich auf, bittet mich zur Seite und zieht einen Zivilen hinzu. Gemeinsam nehmen sie mich ins Kreuzverhör. Der Uniformierte beginnt mit den Standardfragen. Ich frage ihn, während ich brav antworte, warum das denn gemacht wird. Beide lächeln mich an und bedauern, dass das nur ein Standardprozedere sei, man mich ganz willkürlich ausgesucht habe. Sie logen beide, das war mir sofort klar. Jetzt wurde es brenzlig. Der Zivile macht auf freundlich und stellt die Fragen. Der Uniformierte macht auf korrekt und fragt nach. Ein Spiel, das ich ganz gut spiele. So vergehen die Minuten und immer mehr wird gefragt, immer mehr wird geantwortet. Ich habe das Gefühl, dass die beiden ins Leere laufen, aber das sind Profis, ich kann mich sehr täuschen. Wo ich in Kuba hin will, in welchen Ländern ich zuvor war, was ich dort gemacht habe, was ich in Kuba machen möchte – ich werfe ein, dass ich gehört habe der Mojito sei der beste der Welt, der Scherz wird mit eiskalten Blicken quittiert –, ob ich jemanden in Kuba kenne, ob ich das erste Mal hier bin, meine Ausbildung, mein Job, was ich machen werde, wenn ich wieder retour in Österreich bin, wie viel Bargeld und in welcher Währung ich mit habe, ob ich eine Kreditkarte habe, wo diese ausgestellt wurde, ob ich für eine Nichtregierungsorganisation arbeite und vieles mehr. Alles wird notiert, der Uniformierte trägt es in ein Formular ein (ich bin jetzt aktenkundig in Kuba. Hurra?), der Zivile notiert auf einem Schmierzettel mit. Ich versteige mich manchmal mit meinen Antworten in der Flut aus Fragen, aber ich stehe das tapfer durch. Ist ja nicht der erste „Infight“ meines Lebens mit Verhörbehörden… Irgendwann gehen ihnen die Fragen aus. Eigentlich nur dem Zivilen, der Uniformierte will weitermachen, wird aber von seinem Kollegen gebremst. „Viel Vergnügen in Kuba und danke für ihre Geduld“ sagen sie freundlich. Und wieder ist klar, das ist gelogen. Ich marschiere durch den Zoll und siehe da, wer wartet schon auf mich? Der „gute Cop“, der Zivile. Jetzt sieht er gar nicht mehr so freundlich aus. Mein Arsch geht auf Grundeis. Wo ich wohne will er wissen. „Hotel Habana Libre“ sage ich. „Gut, dann werde ich ihnen ein Taxi dorthin organisieren“ meint er und grinst mich triumphierend an. „Danke, sehr nett, aber ich muss erst mal Geld wechseln, wissen Sie wo ich das machen kann?“, lasse ich ihn ins Leere laufen. Ich spüre wie die Energie wechselt und wir nun auf höherem Niveau spielen. Er schickt mich nach draußen zur Wechselstube und das ist das letzte was ich vom Zivilen sehe. Aber nur weil er aus den Augen ist, heißt das ja noch lange nichts. Also gut, ich spiele das Spiel nicht so gut wie ihr, aber ich bin auch kein Anfänger. Lasst mich meine Legende bauen und ich werde sie untermauern. Nach dem Geldwechsel also in ein Taxi gehüpft. „Habana Libre bitte.“ Als ich dort einreite fülle ich brav das Formular aus und mache auf ganz empört, dass meine Reservierung verschlampt wurde. Gleich zwei Damen der Rezeption kümmern sich um mich, mir soll es nur recht sein. So ist klar, dass man sich erinnert wird, dass ich dort war. Ich lasse mir ein alternatives Hotel notieren und frage nach einem weiteren, es soll schwerer sein meinen Weg nachzuverfolgen. Die nächste Taxifahrt führt mich zu meinem Host. Wie schon bei der ersten Fahrt mache ich Fotos von Dingen abseits der Straße und kann so immer wieder einen Blick nach hinten werfen. Niemand folgt, gut. Der Fahrer bekommt ein wenig Trinkgeld und ich steige nervös bei Maria ab. Geschafft. Aber die Frage quälte mich wieso ich so auseinandergenommen wurde? Bei den Amis, die ich bei jeder Gelegenheit für ihre kriegstreibende, imperialistische Hegemonialpolitik geißle, lies man mich anstandslos einreisen, aber hier hätte nicht mehr viel gefehlt und die hätten die Gummihandschuhe angezogen um mich mal husten zu lassen. Ein verwirrendes Gefühl, wenn man den Klassenfreund infiltrieren muss, anstatt einfach einzureisen. Maria brachte schließlich die Erklärung. Vor einigen Monaten schleuste die CIA Leute ein, um Stimmung gegen das Regime zu machen. Wie viel davon nun Westpropaganda und was Ostparanoia ist entzieht sich meiner Kenntnis, aber eines ist gewiss: Auch 2014 herrscht kalter Krieg im heißen Kuba.

Ironie

Tag zwei und ich bin entspannter. Komperativ. Zu meiner teilweisen Beruhigung trug wohl der gestrige Abend bei. Mit meinem Host Maria und einem weiteren Gast, Sokrates aus Bolivien, schauten wir in eine ehemalige Fabrik die nun als Kulturzentrum dient und hörten uns ein erstklassiges Violinenkonzert an. Und ein typischer Mojito durfte nicht fehlen. Das kubanische Konzept von „gut einschenken“ ist auch nicht von schlechten Eltern. Der Rum, den die Bardame in mein Glas kippte, war geschätzt ein achtfacher. Ohne Übertreibung. Dementsprechend tief fiel dann auch mein Schlaf aus. Heute Morgen sah ich die gestrigen Ereignisse schon mit etwas mehr Distanz, aber immer noch war ich aufgewühlt. Ich war einfach verängstigt, überfordert und enttäuscht. Weniger von den Beamten, die machen ja großteils nur ihren Job, sondern mehr von meiner eigenen Naivität. Ich dachte, dass man als Tourist einfach nach Kuba marschiert, sich sonnt und wieder wegfliegt. Das mag ja für den Großteil der Touristen stimmen, doch diejenigen, inklusive mir, die es ins Visier der Behörden schaffen, für die gilt das ganz und gar nicht. Kuba, das ist keine romantische Vorstellung, kein verklärter Inselutopismus, das ist knallharte Realität und von der durfte ich ein kleines Stück kosten. Ich will mich jetzt auf keinen Fall mit echten politisch Verfolgten vergleichen, aber ich konnte gestern eine kleine Ahnung, sagen wir mal ein Promille, davon mitbekommen wie es sich anfühlt politisch verfolgt zu werden. Klar, die Konsequenzen für mich sind lachhaft im Vergleich zu denen, die nicht aus einem Erste-Welt-Land wie Österreich kommen. Mich würde man einfach in den nächsten Flieger nach Europa setzen, andere verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Aber was bleibt ist dieses ungute Gefühl das zu Paranoia verleitet. Ich wurde als potentiell staatszersetzend eingestuft. Ich werde nun auf einer Liste geführt. Man „kennt“ mich nun. All das lässt mich zur ungewollten Selbstzensur greifen. Was ist auffällig an meinem Verhalten, was ist es nicht? Was, wenn gerade unauffälliges Verhalten auffällt? Bei dieser ganzen Sache geht es nicht um Amerikaner, Kubaner, Kapitalisten, Sozialisten, es geht einfach darum, dass der Souverän ein solcher sein sollte, es sollte um Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und freie Gedanken gehen. Doch hier geht es um Krieg, Spionage, Weltanschauungen. Harte Bandagen. Und was mich am meisten verärgert und wütend macht ist, dass wir als Menschen all das selbst geschaffen haben. Wir hätten uns für eine alternative, friedliche Welt entscheiden können. Stattdessen zogen wir es vor, Angst und Terror von unseren Regierungen über ihre Völker kommen zu lassen. Kuba hat mich mehr denn je zum Pazifisten, Sozialisten und Verfechter der Menschenrechte gemacht, aber nicht, weil man es mir hier vorgelebt hätte, gewiss nicht, sondern weil auch Kuba nur alter Wein in neuen Schläuchen ist. Welch Ironie.

Schizophrenie

Tag drei und ich vergehe endgültig in der schwülen Hitze der Karibik. Die Sonne hat noch lange nicht ihren Höchststand erreicht, aber ich bin bereits mit meiner Kleidung verschmolzen. Das große Nichtstun bricht aus, Produktivität ist unmöglich. Analog zu meiner Lethargie wird mir auch die Begeisterung der Kubaner für „ihr“ System beschrieben. Nicht, dass ich jetzt schon mit so vielen Bewohnern gesprochen hätte, aber diejenigen, mit denen ich es tat, haben mir alle erzählt, dass Unterstützung für den Maximo Lider dünn gesät ist. Als ich erfahre, dass in wenigen Tagen Castros Geburtstag ansteht, da hebe ich die Brauen und rufe entzückt: „Eine Parade, Fähnchen, juhu!“. Ich ernte einen schiefen Blick. „Du bist wohl der größte Sozialist hier“ höre ich und setzte zu einem Monolog über Marx, Sozialismus und Kapitalismuskritik an. Scheinbar bin ich wirklich der letzte Sozialist auf dieser Insel. Doch schon bald beobachte ich mich dabei, wie mein Politikinteresse abstumpft. Es interessiert hier niemanden, was sich der nächste Gringo denkt, hier muss man mit den Konsequenzen der Revolution leben und hat andere Sorgen als schöne Gedanken zu wälzen. Daher wechselt mein Interesse auch schon bald auf ein anderes Thema das kubanischer nicht sein könnte: Zigarren. Würde ich sie in regulären Läden kaufen wäre mein Reisebudget schneller gesprengt als ich schauen könnte. Aber Maria kennt jemanden. Wohnt nur zwei Blocks weiter. Ein alter Bekannter, der sie schon seit vier, fünf Jahren mit erstklassiger Ware beliefert. Ich bestelle eine Box Cohibas und eine Box Robainas. Der Kontakt hat einen direkten Draht zur Tabakfabrik, muss aber erst meine Ware bestellen und warten bis sie vom Direktor abgezweigt und geliefert wird. Ein bisschen Schwund ist immer. Quasi Planwirtschaft am Schwarzmarkt, das amüsiert mich.
Abends schauten wir (Maria, Sokrates, ich) zu einem Konzert und dort offenbarten sich die Widersprüche dieses Landes, wie sie es schon seit dem Zeitpunkt taten, als ich versuchte hier einzureisen. Bei meinem Host Maria funkelten mich von Beginn tausende bunte Dinge „Made in China“ und „Designed in America“ an, mehr noch als ich es von europäischen Haushalten in Erinnerung habe. Supermärkte dafür bieten auf der Hälfte ihrer Regalfläche nichts an. Abends, beim angesprochenen Konzert, auf den Straßen, da sah ich hunderte junge Menschen mit Handys ausgestattet und nach dem letzten Schrei der westlichen Mode gekleidet, die sich zu den Klängen der Charts bewegten. Vom abgeschotteten Land ohne Konsumgüter keine Spur. Dafür war das Konzert dann auch sehr schnell wieder vorbei. Technischer Defekt, Ersatzteil war wohl keines zur Hand, also wurden die Menschen wieder nach Hause geschickt. Ich habe den Eindruck, dass alles das, was Staat ist, einfach nicht richtig funktioniert und dafür all jenes, was die Leute selbst in die Hand nehmen, besser funktioniert. Mir steigt man bei der Einreise auf die Zehen und die Kubaner interessieren sich nicht sonderlich für Politik. Ich schäme mich ein wenig für meine Naivität die nun offenbar wird.

Unverstandene Probleme

Tag vier, heute ist der 88. Geburtstag von Fidel. Ich verstehe Kuba nicht im geringsten. Keine Parade, kein Festakt, keine Fähnchen (ich habe wohl mehr USA- als Kubafahnen gesehen bisher), jedem ist das ganze ziemlich egal. Nicht einmal für Touristen gibt es eine Show. Daher habe ich Zeit um ein wenig zu grübeln und ich denke mir: Der Kampf der Systeme, Kapitalismus gegen Sozialismus, das ist in Wahrheit doch auch nur ein Kampf zweier Systeme die beide nicht vollständig funktionieren. Wieso verschwenden wir als Menschheit seit Jahrzehnten unsere Leben damit, einen Sieger zu ermitteln? Wir brauchen etwas Neues. Der entfesselte Kapitalismus, ihm voran die USA und Europa, zerstört mit seiner endlosen Gier unsere Umwelt, manipuliert Menschen zu Konsumenten und erweitert seine Märkte mit ständiger Kriegstreiberei, alles im blinden Glauben an ein stetiges Wachstum. „Wir“ leiden nicht mehr im Kapitalismus, das tun jetzt andere Menschen auf anderen Kontinenten für uns. Wir erfinden immer mehr virtuelle Finanzinstrumente um Schulden in Büchern zu verstecken, anstatt sie abzuarbeiten. Kann man den Kapitalismus überhaupt noch reparieren? Ich denke nicht. Doch wie sieht es auf der Gegenseite aus, was tut sich in Kuba, Russland, China und Nordkorea? Nun, eine zentrale Stelle kann in diesen Größenordnungen nicht mehr effizient wirtschaften und aus der Unzufriedenheit der Bürger ergibt sich dann schon zwangsläufig die Unterdrückung der Menschenrechte und damit einhergehend keine Möglichkeit zur freien, persönlichen Entfaltung. Ich frage mich gerade was gewesen wäre, hätte Marx länger gelebt und sein geplantes Werk vervollständigen können. Auch wenn es ganz sicher mehr solcher großer Denker wie ihn geben muss, so bin ich mir nicht so sicher ob ein gutes System primär auf Wirtschaftsfragen basieren sollte. Irgendwann haben sich auch Marx‘ Theorien überlebt, nur sehe ich weit und breit niemanden, der uns mit ernstzunehmenden Theorien über eine neue Gesellschaftsform wieder frohgemut in die Zukunft blicken lässt. Meine Naivität ist nun teilweise gebrochen, was bleibt ist die Erkenntnis, dass man Menschen prinzipiell trauen kann, Regierungen und Behörden aber nicht. Ich glaube per Definition macht mich das zum Anarchisten. Der hat ja entgegen dem allgemeinen Glauben nichts gegen Organisation, nur etwas gegen Korruption und Willkür. Aber ich werde die Probleme dieser Welt auch nicht lösen, denn von den meisten verstehe ich nicht einmal wieso wir sie uns machen. Ich lass das Politisieren nun sein, melde mich ab und lege mich an den Strand…

Das Biest

Tag acht, Schluss mit Strand. Mein erster und letzter Tag am weißen Karibikstrand, irgendwie soll es nicht sein. Es hat sich aber auch schon irgendwie abgezeichnet. Zuerst ging es raus aus Havanna, das kubanische Hinterland wartete auf mich. Eine Nacht in Cienfuegos und mir wurde schlagartig klar, dass Kuba anders tickt. Normalerweise öden mich Hauptstädte mit ihren aggressiven und geldgierigen Verkäufern an, aber Havanna war da gar nicht so schlimm. Das hebt man sich hier für das Land auf. In Cienfuegos höre ich sehr schnell die immer gleichen Lügen, nur um schnell an ein paar Dollar ranzukommen. Am nächsten Tag geht es weiter nach Trinidad und ich bin erst einmal weg von der Straße. Eine Magenverstimmung, verschobene Wirbel und das doch etwas heißere und schwülere Klima als in der Hauptstadt lassen mich erst einmal gar nichts tun. Jedes Ereignis für sich genommen hätte es nicht geschafft, aber gemeinsam fesseln sie mich ans Bett. Kein Problem, ich habe ja Zeit, der Strand schwimmt mir schon nicht davon. Als es mir besser geht unternehme ich die ersten kleineren Touren. Und es zieht mir die Schuhe aus. Ein Busticket kostet hier 25 Mal mehr als in Havanna, kein Scheiß, das treibt sogar dem Turbokapitalismus die Schamröte ins Gesicht. Alle zwei Meter will man mir etwas verkaufen. Gut, das mit den zwei Metern ist sprichwörtlich, es sind eher vier. Mit erzwungener Geduld versuche ich mich auf Spanisch zu wehren doch schon bald wird klar, dass man mir meine bescheidenen Sprachkenntnisse übel nimmt. Wieso? Wenn ich raten müsste dann deshalb, weil es den einstudierten Fluss des Verkaufsgesprächs hemmt. Ich kann ja verstehen, dass die Kubaner aus einer Periode kommen in der es nichts gab, aber jetzt Hals über Kopf der Gier anheim fallen, das kann auch nicht gut gehen. Doch seis drum, das sind nicht meine Probleme, ich habe schon genug mit der Hitze zu kämpfen. Und mit meinem Hunger. Ich stelle fest, dass ich schon den zweiten Tag nichts gegessen habe. Als mich der Bus am Strand absetzt mache ich mich daher auf die Suche nach etwas Essbarem. Und, richtig geraten, es gibt nichts für mich. Entweder offeriert man mir Fleisch oder will mir zehn Dollar für ein Sandwich abknöpfen. So nicht, mir reicht es, meine Laune ist am Nullpunkt. Kelvin, nicht Celsius. Ich bete inständigst, dass mich in nächster Zeit niemand schief anredet, denn meine Selbstbeherrschung schwindet. Es kostet mich unglaublich viel Anstrengung die Flut aus „Hey Amigo“ und folgenden Verkaufsgesprächen zu ignorieren. Ich will doch nur etwas zu essen, ist das zu viel verlangt? Endlich, endlich finde ich ein Hotel mit Restaurant, das vegetarische Angebot ist überwältigend, es gibt sogar haufenweise Kartoffel, eine Rarität auf Kuba. „Leitet das die Trendwende ein?“ frage ich mich. Ich spaziere hinaus an den Strand, immer weiter weg von den Massen und finde mich schließlich selbst an einem einsamen Abschnitt wieder, die Menschen zu beiden Enden sind nur mehr kleine Punkte. Es fühlt sich an, als gehörte die ganze Karibik mir allein. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, dass ich nicht alleine war. Das Biest lauerte schon auf mich im Wasser. Ich hüpfte satt und mit einem Anflug aus Glückseligkeit in meine Badehose und sprang ins Wasser. Eine Abkühlung war es nicht, aber es war die Karibik. Das Biest muss mich schon zu diesem Zeitpunkt gewittert haben, aber es hielt sich noch zurück – ich ahnte nichts von dem was bald kommen würde. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt mich ganz auf die Situation einlassen, zog meine Badehose aus, warf sie auf den Strand und hüpfte zurück ins Wasser. Darauf hatte das Biest wohl gewartet. Ich trieb wie Gott mich schuf in der karibischen Brandung und nach all den Tagen der Enttäuschung hier auf Kuba, angefangen mit der Immigration und gefolgt von pubertierenden Turbokapitalisten, Schmerz und Hunger, baute sich so etwas wie Zufriedenheit in mir auf. Das Biest muss ein abgrundtief böses Wesen sein, denn es gestattete mir nicht einmal für eine Sekunde den Genuss dieses Gefühls, das sich gerade erst entwickelte. Einen Wimpernschlag bevor mich die Zufriedenheit erreichte schlug das Biest zu. Die Qualle warf ihre Nesseln genau in meinen unbewehrten Schritt. Volle Breitseite. Keine Frau soll mir jemals wieder mit „Geburtsschmerz“ kommen, das ist kein Vergleich. Ich kenne viele Frauen persönlich, die nach der Geburt ihres ersten Kindes ein weiteres Kind wollen, ich kenne aber keinen Mann, der, nachdem ihm eine Qualle ihr Gift in die Weichteile gejagt hat, diese Erfahrung jemals wiederholen möchte. Humpelnd machte ich mich auf den Weg zum Bus und freute mich über 30 Minuten Schotterpiste, die mein Genital nochmals kräftig durchrüttelten, mehr braucht es nicht. Irgendwie will ich nur mehr weg von dieser Insel, aber ob mir das gelingen wird? Der nächste Tag brachte eine unangenehme Überraschung…

Spionage

Tag neun, die Festspiele des Wahnsinns gehen weiter. Ich komme mit meinem Vermieter ins Gespräch und erzähle ihm, dass ich bei einem Spaziergang zu einer Ruine einen Stollen entdeckt habe und frage um was es sich dabei handeln könnte? Vielleicht einen Weinkeller? Oder gar einen Bunker? Mein Vermieter zieht die Augenbrauen hoch. Bunker? Hier? Hat er noch nie etwas davon gehört. Seine Frau neben ihm setzt eine verzerrte Grimasse auf, es sollte wohl ein Lächeln sein, und meint mit gespielter Gelassenheit, dass ich wohl ein Spion bin. Doch dann entgleist ihr die Maske, sie hörte sich wohl selbst beim Reden, sieht auf einmal sehr ernst aus, steht auf und verlässt uns. Es folgt ein langer Dialog mit ihrem Mann, ich kann nicht immer folgen, denn mein Spanisch ist ja immer noch sehr begrenzt, aber es geht um Politik, Wirtschaftssysteme, den Gazakrieg und viel Kritik am System dessen Namen man nicht nennt. Dafür greift sich mein Gesprächspartner immer wieder mit der Hand ans Kinn und führt sie nach unten, als ob er einen langen Bart streichelt. Es ist klar was und wen er meint. Weniger klar ist mir, ob seine Kritik ernst gemeint ist, oder ob er selbst nur ein Handlanger des Systems ist. Ich tippe ehrlich gesagt auf letzteres, denn irgendwie stehen seine Aussagen im Widerspruch. Auf der einen Seite meint er, dass der „Bart“ überall seine Augen und Ohren hat, auf der anderen Seite kritisiert er ziemlich viel für jemanden, der über die Überwachung Bescheid weiß. Als ich ihm von meinen Problemen bei der Einreise erzähle, da tauscht er sich kurz mit seiner zurückgekehrten Frau aus und meint dann, dass man mich bei der Ausreise sicherlich auch wieder befragen wird und diesmal wird man wissen wollen, wo ich überall gewesen bin. Irgendwie habe ich dabei das Gefühl, dass er nicht nur spekuliert was passieren wird, sondern dass er es bereits weiß. Das macht mich wiederum sehr paranoid. Und warum? Ich weiß es nicht, habe ich mir doch nichts vorzuwerfen. Aber so funktionieren solche Systeme nun mal, sie lassen dich selbst einen Teil ihrer Arbeit erledigen.
Am Abend dann eine seltsame Diskussion. Meine Quartiergeber fangen wieder an vom Bunker zu reden. Merkwürdig fänden sie es, dass ich wusste, dass hier ein Bunker sei, dass ich Fotos davon gemacht habe, dass mich die Polizei sicher dabei beobachtet habe, dass ich bei der Ausreise mit weiteren Fragen rechnen muss. Dann tauschen sie hektisch einige Blicke aus und von nun an herrscht Misstrauen. Ich hatte die Geschichte ganz anders in Erinnerung. Man schickte mich einen Trampelpfad entlang, den Hügel hinter der Stadt hoch, um zu einem Aussichtspunkt zu gelangen. Vielleicht zwei Meter abseits und unmöglich zu übersehen befindet sich der Eingang in einen Stollen. Von diesem Eingang habe ich ein Foto gemacht, um es meinen Quartiergebern zu zeigen, denn wer den Weg zum Aussichtspunkt kennt, der müsste den Stollen ebenso kennen, oder was auch immer es ist, darum ging es ja. Mehr war es dann auch nicht und daher fand ich dieses Verhalten sehr seltsam. Ob man mich mit der Version meiner Quartiergeber verpfeifen wird? So funktionieren doch alle diese Systeme, säen Misstrauen zwischen den Menschen. Ich entschließe mich dem Moment zu entziehen und gehe auf mein Zimmer, sperre mich quasi selbst weg. Biedermeier pur, wie unbequem. Doch schon bald verfliegt mein Entsetzten über diese diktatorische Gesellschaft und neues Unheil zieht auf. Ich fühle mich fiebrig, messe meine Temperatur. 38,6°. Drei Stunden später knacke ich die 39°-Grenze. Ich nehme eine Tablette und lege mich schlafen.

Tag 10, Quarantäne

Wildes Geschrei weckt mich am nächsten Morgen. Aus der Küche nebenan dringt eine lautstarke Diskussion bis zu mir herüber. Mein Quartiergeber erzählt jemandem, dessen Stimme ich nicht erkenne, von mir. Die Details bleiben mir verborgen, doch es geht unter anderen um den Bunker. Aber ich habe andere Sorgen als mir den Kopf darüber zu zerbrechen an wen ich eventuell gerade verraten werde, denn gleich nach dem Aufstehen habe ich schon 38° Fieber, das ist kein gutes Zeichen. Als mein Quartiergeber davon erfährt besteht er vehement darauf mich in die nächste Klinik zu bringen. Dort wird eine erste Diagnose gestellt: Verdacht auf Denguefieber. Ich packe meine Sachen und werde ins Spital von Sancti Spiritus überstellt, dort wird die Erstdiagnose bestätigt. Man erklärt mir, dass Dengue infektiös ist und ich in Quarantäne muss. Zur Sicherheit nimmt man mir meinen Pass ab. Nicht, dass ich in meinem Zustand woanders hin möchte, aber es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man plötzlich nicht mehr über seine Bewegungsfreiheit verfügt.

Tag 12, dritter Tag in Quarantäne

Meine Zeit hier im Krankenhaus verbrachte ich bisher hauptsächlich im Fieberwahn, dennoch entgingen mir einige Eigenheiten nicht: Bei der Aufnahme stellte man mir sehr viele Fragen, notierte alles peinlichst genau, hakte sehr oft nach. Zu oft für meinen Geschmack, sprach ich eventuell schon wieder mit einem Spitzel? Seltsam fand ich auch mein gestreiftes Pyjama mit der Aufschrift „Extranjeria“ (Ausländerabteilung) und die darauf eingetrockneten Blutflecken, die auch auf allen meinen Laken waren (was machen die mit Ausländern hier in diesem Spital?). Es gab kein Kopfkissen und die ersten zwei Tage gab es auch nichts zu essen, dafür kam dann ein Teller halb voll mit Bohnschoten, lauwarm und halbgar, die ich mit den Fingern essen musste, Löffel gab es keinen. Im Bad fehlten an den Waschbecken die Wasserhähne, als ich den in meinem Zimmer probierte kam erst gar nichts, dann ein Schwall heißer Luft, dann eine Mücke und eine Spinne (beide lebendig) und am Ende braunes Wasser aus der Leitung. Unter all diesen Vorzeichen – und dem Fakt, dass mein Fieber trotz Pillen zwischen 38° und fast 40° pendelte – schien es mir angebracht meine Versicherung zu kontaktieren. Nicht nur um sie die Rechnung hier begleichen zu lassen, sondern auch um anzufragen ob ich einen Anspruch auf einen medizinischen Rücktransport habe. Leider stellte ich fest, dass man von hier aus keine internationalen Gespräche führen kann. Tja, habe ich Dummerchen schon wieder vergessen, dass ich in einer Diktatur festsitze, wenn nicht sogar feststecke. Pass einkassiert, in Quarantäne, mein Flug (dessen Ticket ich nicht stornieren kann) hebt in drei Tagen aus Havanna ab. Jetzt kann ich nur mehr darauf bauen, dass mein Immunsystem in den letzten zweieinhalb Jahren viel dazugelernt hat und einen beeindruckenden Endspurt hinlegt. Wie immer gilt: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Tag 13, vierter Tag in Quarantäne, zwei Tage bis zum Abflug

Gestern Abend ein kurzer Hoffnungsschimmer: das Thermometer zeigte erstmals eine 37 zu Beginn. Aber schon in der Nacht kam das Fieber wieder. Und das war erst der Anfang dieses seltsamen Tages. In der Früh fragte mich ein Pfleger ob ich Brote mit Streichkäse möchte. Ich fragte ob ich Brot ohne Käse haben kann, er meint er fragt schnell nach und war nicht mehr gesehen. Wieder einmal nichts zu essen, das ist hier jetzt schon Standard für mich. Dann sprach ich mit einer Schwester. Ob die Zentralstelle in Havanna (die als Vermittler Kontakt mit meiner Versicherung aufnehmen sollte) sich schon gemeldet hat und ob meine Versicherung direkt bezahlt. Nein, da hat sich noch nichts getan, aber sie fragt nach und gibt mir heute noch Bescheid. Jetzt ist es schon abends und ich habe nichts mehr von ihr gehört (diese Schwester taucht die nächsten Tage sowieso überhaupt nicht mehr auf und ich sehe sie nie mehr wieder). Wirklich nervig auch die Sache mit dem Wasser: Ich habe keines mehr und wenn ich um eines bitte, dann rollen immer nur alle mit den Augen… So sitze ich jetzt durstig, fiebrig und von der Außenwelt abgeschnitten in meinem Zimmer, welches ich nicht verlassen darf, mit verdunkelten Fenstern und Kunstlicht und bin mir sehr bewusst, dass mein Flieger wohl ohne mich abheben wird. Mir ein neues Ticket zu kaufen wird mein allerletztes Geld kosten, aber gut, das ist verschmerzbar. Die Isolation ist es auch. Die Ungewissheit und das Alleinsein ebenso. Sogar der Durst ist auszuhalten, denn das sind alles Dinge die nur mich betreffen und ich habe mich sehr gut im Griff. Was mir wirklich Sorgen macht ist meine Familie. Sie geht davon aus, dass ich mich am 25. von Berlin aus melde. Sie werden sich Sorgen machen und ich kann sie nicht erreichen. Das ist ein wirklich ungutes Gefühl.

Tag 14, fünfter Tag in Quarantäne, ein Tag bis zum Abflug

Heute geht es mir gar nicht gut. Mit Fieber aufgewacht, Schmerzen (Dengue wird nicht umsonst auch „Knochenbrecherfieber“ genannt), Schwindel, Unwohlsein. Ich habe akzeptiert, dass ich meinen Flug nicht erreichen werde, dass man mich noch länger hier festhalten wird. Doch dann geschehen seltsame Dinge. Man erklärt mir, dass man morgen noch einen Bluttest macht dessen Ergebnis man mir per E-Mail zusenden wird (nach meiner E-Mailadresse wurde nie gefragt, auch jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt nicht) und mich dann gehen lassen wird. Ich sei nicht mehr infektiös erklärt man mir, trotz Fieber und Hautausschlag. Ich bin skeptisch, aber kein Arzt. Wenn sie mich gehen lassen, dann sollte ich die Chance nützen um von dieser Insel zu flüchten. Doch wird sich das ausgehen? Havanna liegt etwa fünf Autostunden entfernt, Fahrgelegenheit habe ich keine, ich muss bei Maria noch einige Sachen aufklauben (wird sie überhaupt Zuhause sein?), dann wird es sicherlich noch ein Fragenstakkato der Behörden geben und schließlich kann die Fluglinie den Transport verweigern sollte ihnen mein Zustand zu bedeutend vorkommen. Geschweige denn von den Behörden in Russland, denen traue ich es sofort zu, dass sie mich mit Fieber herauspicken und dort in Quarantäne stecken. Das muss dann noch eine Oktave widerlicher sein als hier. Bis ich also wieder sicheren Unionsboden unter meinen Füßen habe liegt noch ein Spießroutenparcours vor mir, einer, bei dem rein gar nichts schief gehen darf. Ich bin schon gespannt. Alleine wenn ich nur daran denke morgen in die sengende Hitze treten zu müssen… Ingo, sei stark, du hast es dir selbst ausgesucht…
Die Probleme gehen los. Meine Versicherung bezahlt nicht, denn dafür müsste ich sie selbst kontaktieren. In Quarantäne und ohne internationalen Festnetzanschluss ist das leider nicht möglich. Damit habe ich nicht gerechnet. Meine Kreditkarte kann die Rechnung gerade noch stemmen, damit habe ich auch nicht gerechnet. Nächster Schritt: ein Taxi für morgen Früh bestellen, eine leichte Aufgabe. Nur, es lässt sich keines organisieren, wieso, das bleibt mir verborgen. Damit habe ich wiederum nicht gerechnet.

Tag 15, Tag X

Der zweite Tag, an dem ich zu Teilen fieberfrei oder knapp dran bin (Paracetamol sei Dank). Man stellt mir wie angekündigt meine Entlassung in Aussicht, es fehlen nur die Papiere. Um 09:30 soll alles geschehen sein. Gegen 10:45 taucht die erste Ärztin des Tages, es ist Sonntag, auf. Ich bin ganz ruhig, denn ich weiß es ist noch so ein langer Weg vor mir, würde ich jetzt schon beginnen mich aufzuregen, ich hätte abends graue Haare. Irgendwann sind dann auch die Papiere fertig, ich lege mir meinen Rucksack an und werde zum Ausgang begleitet. Eine nette Geste? Nein, es ist schlicht notwendig, denn ich würde aus diesem Betonklotz alleine nicht mehr herausfinden. Vorbei an einem riesigen Loch im Boden, das sich über zwei Stockwerke erstreckt, geht es zum Lift. Und den ruft man wörtlich, indem man an die Türe hämmert und das Stockwerk brüllt, in dem man sich befindet. Zunächst passiert gar nichts, daran ändert sich auch die längste Zeit nichts, mir wird lediglich sehr warm. Dann kommt der Lift, wir steigen ein, der Liftboy will mit uns abwärts, wieder passiert nichts. Er stellt den Strom ab und wieder an, dann geht es. Und nur kurze Zeit später ist sogar mein Fahrer da. Ein Sunnyboy mit seiner Frau in einem Ford Baujahr 1956. Steil, das Trio wirkt wie frisch durch Raum und Zeit nach Havanna gebeamt. Sunnyboy meint, dass die Fahrt etwa fünf Stunden dauern könne. Ich bin skeptisch und rechne mit mehr, nicht umsonst empfehlen Kubaner keine Oldtimer für die Langstrecke. Aber wir schaffen die Strecke in viereinhalb Stunden, inklusive Pause, das haben wir der durchgehenden Autobahn von Sancti Spiritus bis Havanna zu verdanken. Die für sich genommen übrigens auch eine Attraktion ist. Hier findet man Radfahrer, Fußgänger, Pferdekutschen und fliegende Händler, die ihre Waren mitten auf der Straße stehend anbieten. Nur andere Autos, die sieht man nicht so oft. Das führt dazu, dass auf baufälligen Strecken der Verkehr einfach auf die andere Fahrbahn umgeleitet wird, ganz ohne Absperrung oder dergleichen. Kommt ein anderes Fahrzeug, dann weichen beide aus, grüßen freundlich, fertig. In Havanna angekommen ließ ich mich zu Maria führen, denn dort lagerten noch einige meiner Sachen. Außerdem zahlte ich für die letzten zwei Nächte im Voraus und dieses Geld wollte ich mir wieder holen, weil ich es brauchte, denn Sunnyboy kostete mich meine letzten 130 CUC (100 Euro). Allerdings hatte mein Quartiergeber in Trinidad, ein Freund Marias, verabsäumt sie von meinem Krankenhausaufenthalt zu benachrichtigen, obwohl er sagte er werde es tun. So wusste Maria nichts von meinem Unglück und hatte mein Zimmer nicht wieder weiter vermietet und ich hatte dadurch keinen Anspruch auf mein Geld. Doch Maria war so nett und gab mir die Hälfte zurück, damit ich ein Taxi zum Flughafen bezahlen konnte. Maria erzählte mir auch, dass ich besser im Krankenhaus auch mehr bezahlt hätte, denn dort sei es üblich die Leute zu schmieren. Hätte ich also die Schwestern bezahlt, ich hätte wohl öfters Essen und Wasser bekommen… Aber das war nun auch schon egal, ich wollte nur noch weg. Am Flughafen musste ich ewig lange bei der Ausreisebehörde anstehen und als ich endlich an die Reihe kam wurde ich gleich wieder weggeschickt: ich hatte keine Flughafengebühr bezahlt. Tausend Höllenhunde, jetzt ging es los! Der einzige Flughafen der Welt der die Gebühr nicht mit dem Ticket einhebt! Ich kramte nach meiner Euro-Notfallreserve, fand sie und kalkulierte die Wartezeiten für: den Wechselschalter, den Gebührenschalter, den Ausreiseschalter und die Sicherheitsschleuse. Die allfällige Befragung der Staatssicherheit noch gar nicht eingerechnet kam ich zu dem Schluss, dass sich das unmöglich ausgehen kann. Ein kurzer Fluch rutschte mir über die Lippen. Aber nein Ingo, ganz ruhig bleiben. Wenn es nicht sein soll, dann soll es nicht sein. Hatte ich nicht vor langer Zeit einmal gesagt, dass mir nichts schlimmeres passieren sollte als auf Kuba festzusitzen? Ich war bereit für alles was da kommen mag. Und es kam: nichts! In wenigen Minuten war alles erledigt, der Wechsel, die Gebühr, der Ausreisestempel, die Sicherheitskontrolle und keine Fragen wurden gestellt. Ich kann es nur wiederholen: so funktionieren solche Systeme. Sie sagen dir „Wir wissen was du vorhast“ und du denkst dir, dass es sicher nur ein Bluff ist, oder etwa nicht? Und mit diesem Initialzweifel beginnt die Paranoia, die dann in dir und für das System arbeitet, ohne dort Kräfte zu binden. Das funktioniert so gut, dass sogar ein Verdacht in mir aufkeimt: Hat man mich aus dem Verkehr gezogen? War ich zu verdächtig, mit meiner Weltreise, meiner Begeisterung, dem Foto vom Bunker? Ich erinnere mich plötzlich, dass man bei meiner Einweisung am 19. bereits das Entlassungsdatum mit 24. vermerkt hatte. War das nur aus Nettigkeit, weil ich erwähnt hatte, dass da mein Flug geht? Aber ich habe nie gesagt zu welcher Zeit ich fliege. Oder war das alles nur Zufall? Ich werde es wohl nie erfahren. Auch in Moskau lässt man mich in Ruhe und so lande ich auf den Tag genau zweieinhalb Jahre nach meinem Aufbruch von Graz in Berlin. Europa hat mich wieder.

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9 Gedanken zu „Kalter Krieg im heißen Kuba

  1. enraptured right up until the last paragraph (which google translate failed to translate). you are a brave lad, i’ll give that to ya. interesting analyses, and glad you made it through to the other side. xxx

  2. Wow, was für eine Geschichte, das ist ja filmreif!!
    Aber ernsthaft, Kuba wirkt jetzt plötzlich gar nicht mehr so einladend…
    Wenn du nicht aufgetaucht wärst, hätte ich eine Befreiungsaktion starten müssen!

    • Thank you. Now I am glad as well being back in Europe. But to be fair: after all, Cuba did not treat me that bad. Mostly it was made up in my head. Or maybe not? There we are again. ;-)

      • Se non è vero, è ben trovato, we say, right? But it’s the lens through which we view the world that shapes our reality, Ingo, as ever. And your experiences will be a goldmine of creativity for your life to come. Wishing you the best of luck when you try and settle in Austria again, at least for a while… and enjoy your first slice of Schwarzbrot and your first drink of Alpenwasser! Ilse

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