Vipassana Meditation

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Unsere Meditationshalle

Es war ein langer Weg bis wir zusammenfanden, Vipassana und ich. Den damals noch unbewussten Erstkontat hatte ich mit dieser wundervollen Technik in Korea, im weiteren Verlauf meiner Reise wurde ich aber immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Doch war ich skeptisch, genauer: ignorant, aber irgendwann ist die Zeit für alle Dinge reif. In Indien kam ich letztlich wegen meiner Reisepläne nicht dazu, in Thailand war ich von der letzten Lebensmittelvergiftung immer noch zu geschwächt, aber auf Hawaii sollte es dann endlich soweit sein. Zehn Tage dauerte mein Einführungskurs und es war eine der interessantesten Erfahrungen meines Lebens, vielleicht sogar, später einmal, wenn ich noch weiter in meinem Sein zurückblicken kann, wird es sich als die interessanteste Erfahrung herausstellen – man wird sehen.

Was ist Vipassana?

Vipassana ist eine Meditationstechnik, die kurz gesagt Siddhartha Gautama zu Buddha, zum Erwachten, werden lies. Es gab vor 2.500 Jahren bereits Meditationstechniken, die mit Vipassana weitgehend identisch waren, doch erst Buddha durchbrach das Rad der Leiden indem er die psychosomatische Beschaffenheit von Körper und Geist erkannte: Jede sinnliche Erfahrung (in diesem Kontext gibt es sechs Sinne, die fünf wohlbekannten und „Geist“ als sechsten Sinn, der für Gedanken und Emotionen steht) die wir machen, löst eine körperliche Reaktion aus, auf die wir entweder mit Anhaftung oder Ablehnung reagieren. Solange wir wollen und bekommen, oder ablehnen und vermeiden, solange entsteht kein Leiden, doch wenn wir nicht bekommen was wir begehren, oder nicht verhindern, was wir vermeiden wollen, dann führt das zu Leid, eine Erfahrung, die jeder von uns schon unzählige Male gemacht hat. Wer diesen Zusammenhang ignoriert, der praktiziert „Moha“ und häuft Leiden an und letzlich ist alles Leben leidvoll. Doch Buddha fand vor über 2.500 Jahren, als er in Gaya unter einem Bodhibaum saß, einen Ausweg: Wer die Vipassanatechnik erlernt, der lernt aufmerksam seinen Geist zu beobachten („Sati“ und „Samadhi“), erst noch auf einem sehr groben Niveau, später dann bis in die tiefsten Ebenen der nicht mehr teilbaren subatomaren körperlichen Erfahrung. Zu dieser Feinfühligkeit gesellt sich die Wahrnehmung von mentalen Prozessen, die jede körperliche Regung evaluieren und in „angenehm“ („Raga“ oder „Lobha“) oder „unangenehm“ („Dosa“) einteilen – es folgt der Versuch unseres Geistes, diese Zustände zu halten oder zu vermeiden („Sankaras“) und das ist jener Punkt, an dem man die Reaktionskette durchbrechen muss, eine Übung, die man rational schnell verstanden hat, die man jedoch in jahrelanger, viel wahrscheinlicher lebenslanger Praxis erfahren muss.

Zehn Tage Isolation

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Dschungelkantine

Der Kurs dauerte zehn Tage, währenddessen nicht gesprochen wurde. Weiters gibt es keine Handys, Computer, Bücher, Notizhefte, kurz: man ist sich und seinem Geist für volle zehn Tage in Stille und ohne Ablenkung selbst überlassen, eine Erfahrung, die nicht jedem gleich gut tut. So kam es, dass von über 50 Schülern im Laufe der Zeit fast 10 aufgaben, manchen weinten und schrien hysterisch, andere bekamen unkontrollierte Lachanfälle, ein weiterer Mitschüler wurde vom Betreuer gebeten, während des Essens still zu sein, worauf dieser entgegnete, geglaubt zu haben allein zu sein, obwohl ringsum zahlreiche Leute aßen, manche konnten die Stille nicht ertragen und tauschten flüsternd ihre Befindlichkeiten aus und als die „noble Stille“ vorüber war, da ging ein Geschnatter am zehnten Tag los, da musste bei vielen alle aufgestauten Gedanken an die Luft gesetzt werden. Und wie ging es mir? Was das Schweigen betraf, so habe ich mich selbt überrascht, denn ich genoß die Tage der Stille so außerordentlich, dass ich ernsthaft enttäuscht war, als der Kurs vorüber war und ich wieder im Alltagsgeschnatter verheddert war. Ich versuche es von nun an besser mit der Weisheit „Sprich nur wenn du dir sicher bist, dass es die Stille verbessert.“
Aber was tat sich bei mir in Bezug auf die Meditation? Nun, die ersten Tage verbringt man damit, seine Atmung zu observieren. Eine Übung, die sich einfacher anhört, als sie ist. Wer hat schon einmal versucht, einen ganzen Tag lang nichts anderes zu tun, als auf das Gefühl zu achten, das der Atem an den Nasenlöchern verursacht? Der Gedankenstrudel riss mich ständig mit, aber irgendwann wurde er stiller, oder sagen wir „weniger laut“, und ich ging dazu über, subtilere Körperregungen wahrzunehmen. Mit leichter Verzögerung konnte ich den Übungen bis zum neunten Tag folgen, dann passierte es: Ich verlor all meinen Fokus, jegliche Konzentration war weggeblasen und jeder mühsam getätigte Schritt nach vorne verwandelte sich in einen ungebremster Rückschritt. Ich war enttäuscht. Ich war auch ein wenig verzweifelt. Ich hatte doch Vorstellungen im Kopf, ich wollte manches erreichen und anderes vermeiden. Und genau in jenem Moment hakte meine Praxiserfahrung ein, erkannte ich, dass das Stillsitzen der letzten Tage nicht umsonst war, denn ich erkannte, dass ich gerade „Sankaras“ aufbaute, dass ich vermeiden wollte, dass ich erlangen wollte, doch genau das sollte ich doch nicht mehr tun. Also tat ich, was zu tun war, setzte mich wieder in aller Ruhe hin, beobachtete mein Körpergefühl und reagierte nicht mehr auf den Impuls – und mein Leiden verwandelte sich in dünne Luft. So hatte ich am Ende also doch noch begriffen, mehr noch: erfahren, dass der Weg zur Erlösung, Erleuchtung und Erweckung ein Weg der Praxis ist, eine Praxis, die nun zum Bestandteil meines Lebens geworden ist.

Wieder einmal ist der Weg ist das Ziel

„Dhamma“, die Lehre, der Pfad, das ist ein langer Prozess für den es einiges an Disziplin benötigt und das wird wohl mein härtestes Ringen werden. Intellektuell geht mir Buddhas Lehre runter wie Öl, wohl noch nie zuvor in meinem Leben stand ich mit einer Sache so in Resonanz wie mit den Lehren Gautamas. Vieles von dem, was ich gehört habe, habe ich noch nicht verstanden, unzählbar mehr habe ich noch nicht einmal gehört, aber so ist es eben, mit Pfaden und Wegen, sie bringen uns Schritt für Schritt näher an unser Ziel; abschreiten müssen wir sie halt.
Und wer sich für die Thematik interessiert, hier noch eine kleine Linkliste:

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2 Gedanken zu „Vipassana Meditation

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