Das Bekenntnis

Dieser Reisebericht ist anders als die anderen vor ihm, denn dieser beschreibt eine andere Reise. Eine, die nach innen führt und von einer Reise handelt, über die ich in dieser Form nicht berichtet habe, seit ich Graz verlassen habe. Zur Vorgeschichte sei kurz erzählt: Etwa zwei Monate vor meinem Aufbruch besuchte ich in Graz einen Vortrag von Christian Rätsch. Er, selbst weit gereister Ethnopharmakologe, stand in der Pause für ein kurzes Gespräch zur Verfügung und so kam es, dass ich ihm von meinen Reiseplänen erzählte. Er hörte aufmerksam und scheinbar interessiert zu, ich fragte ihn nach drei Destinationen, die ich seiner Meinung nach auf meiner Reise nicht auslassen sollte, und stellte ihm zum Abschluss noch eine letzte Frage: „Eine Reise hinaus, in die weite Welt, das ist meistens und so auch in meinem Fall eine Reise hinein, ins Innere. Kann man so eine Reise eigentlich auch von zu Hause auf der Couch unternehmen, oder ist es notwendig, dass man dafür die Welt bereist und vieles mit eigenen Augen sieht?“ Rätsch` Augen blitzten auf, er fuhr sich mit der Hand über seinen langen Bart, zog die Mundwinkel leicht schmunzelnd nach oben und meinte lapidar: „Fernsehen reicht nicht.“ Dadurch bestätigt wusste ich, dass meine Reise mich nicht nur um die Welt wie wir sie alle sehen, sondern auch in meine Welt, wie nur ich sie sehe, führen wird. Doch wonach ich suchte und was mich erwarten wird, davon hatte ich naturgemäß zu Beginn keine Ahnung. So kam es, dass ich in meinem ersten Artikel auf „Hello World“ (siehe Prolog) folgenden Absatz schrieb:

Krebse laufen seitlich vorwärts

Freunde, die von meinem Vorhaben erfuhren, haben im Großen und Ganzen nur zwei Äußerungen von sich gegeben. Die einen fragten “Wieso nicht schon früher?”, die anderen wollten wissen, ob ich vor etwas weglaufe. Zumindest auf die letzte Frage kenne ich nun (m)eine Antwort: “Ich laufe nicht weg, ich weiche aus.” Was nun durchaus einfältig klingen mag, kann ich dennoch gut erklären. Ich bin von dem Gedanken beseelt, dass wir alle einen Platz in der Gesellschaft einnehmen müssen, doch wir haben nur dieses eine Leben, also sollten wir weise wählen. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die sich für ein Leben entschieden haben, das ganz offensichtlich nicht “ihres” war. Glücklich blieben all jene, die sich nie Gedanken darüber gemacht haben, dass wir wählen können. Alles. Immer. Jederzeit. Diese Menschen lebten ein Leben in perfekter Symbiose mit dem System, referenzierend auf die “Ohs” und “Ahs” ihrer Mitmenschen, in der Annahme, sie machen alles richtig. Wirklich arm waren all jene, die sich irgendwann gefragt haben, was sie da eigentlich machen. Doch diese Frage kam im Leben meist sehr spät und eine Korrektur erschien unmöglich. Natürlich wissen wir, dass man sein Leben jederzeit korrigieren kann, doch je länger man wartet, umso schwieriger wird es. Irgendwann wäre der Berg, den es zu überwinden gilt so hoch, dass man realistischerweise sagen muss, dass mittlerweile die Kraft fehlt ihn zu besteigen. Ich möchte nicht eines Tages aufwachen und feststellen müssen, dass mein Leben voller traumhafter Möglichkeiten war, aber ich einfach nicht zugegriffen habe. Um wieder ein wenig pathetischer zu werden: Gott schaffte uns nach seinem Abbild. Gott ist allmächtig, er kann – sagen wir einmal – Berge versetzen, aber er wird es nicht mit einem Fingerschnippser erledigen können. Er muss es tun, sich aufrichten, arbeiten. Genau so sehe ich es auch. Ich kann mein Leben gestalten wie ich es möchte, doch ich muss es tun. Reden hat noch selten den Lauf der Dinge verändert. Ich laufe also nicht davon, denn ich weiß, dass mich das Schicksal einholen wird. Ich möchte ihm nur lange genug ausweichen, bis ich weiß, was ich will, dann kann ich endlich Frieden schließen und zu dem werden, was ich wirklich bin. Was auch immer das sein möge…

Was folgte, das waren 98 Beiträge, die über meine „äußere Reise“ berichteten, aber was sich am Weg nach innen abspielte, das erfuhr meine Leserschaft auf diesem Blog nicht. Bis heute, denn nun habe ich einen Punkt erreicht, an dem mir bewusst wurde, dass ich ein Ziel erreicht habe. Dass von nun an vieles anders sein wird. Es ist wiederum nur ein Anfang für eine weitere – lebenslange – Etappe, doch nun weiß ich, was ich will. Auch wenn diese Erkenntnis keine Antwort auf all die Fragen liefert, die ich immer noch in mir herumtrage, so wird sie doch Fundament für die zukünftigen Antworten sein.

Ich lege hiermit ein Bekenntnis ab. Wieso ich das online tue? Weil es hierher passt, dem Ort, an dem ich meine Reise dokumentiere, der Ort, an dem so viele Erinnerungen der letzten Monate zusammengetragen wurden, Erinnerungen, die mich veränderten und mir zeig(t)en, dass ich diese Reisen, die nach außen und die nach innen, aus einem bestimmten Grund angetreten habe und darüber möchte ich hier und jetzt Zeugnis ablegen.

Ich bekenne mich zum Buddhismus. Von heute an nehme ich Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha. Ich gelobe, die vier edlen Wahrheiten zu verinnerlichen und zu leben. Diese sind:

  • Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.
  • Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung.
  • Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
  • Zum Erlöschen des Leidens führt der Edle Achtfache Pfad.

Ich gelobe, die fünf Silas, die Regeln für Tugendhaftigkeit, zu achten und nach ihnen zu leben. Diese sind:

  • Ich gelobe, mich darin zu üben, kein Lebewesen zu töten.
  • Ich gelobe, mich darin zu üben, nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wird.
  • Ich gelobe, mich darin zu üben, keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben.
  • Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen.
  • Ich gelobe, mich darin zu üben, keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.

Ich erkenne nun, dass Indien der Scheitelpunkt meiner Reise ist. Hier fand eine Erkenntnis, eine Erweckung, eine Änderung statt, die mich mit Freude im Herzen wieder auf meine Heimat zusteuern lässt. Bisher habe ich mich von Österreich entfernt, auf der Suche nach Antworten deren Fragen ich nicht einmal kannte, doch nun, mit einer fundamentalen Antwort ausgestattet, kann ich mich meiner Heimat, meiner Familie, meinen Freunden, Bekannten und Unbekannten wieder annähern. Während also sehr langsam das Ende der äußeren Reise eingeläutet wird, beginnt die nach innen gerade erst an Fahrt. Noch habe ich keine ständige Sangha – eine Gemeinschaft buddhistisch Praktizierender – um mich, daher würde ich mich umso mehr freuen, könnte ich über meinen Blog, mein „Fenster und meine Nabelschnur“, mit einigen Gleichgesinnten zusammentreffen, die mich auf meinen ersten Metern meines neuen Weges begleiten, bis ich mich eines Tages wieder niederlasse, in der Nähe einer Sangha, die meine erweiterte Familie werden wird.

McLeod Ganj, am 4. Juli 2013

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4 Gedanken zu „Das Bekenntnis

    • COOLER BLOG COOLER ARTIKEL. BIN GERADE IN SHIMLA UND SEIT 1 MONAT UNTERWEGS UND KANN DAS GANZ GUT NACHEMPFINDEN. BLEIBE GESPANNT WIE ES BEI DIR WEITER GEHT. KEEP WRITING. NAMASTE

      • Hallo „Philsupertramp“. Wie lange hast du denn vor zu reisen? Und schränkst du es auf Indien ein, oder geht es auch woanders hin? Kennen wir uns eigentlich? Und wenn nicht, wie hast du meine Seite gefunden, würde mich interessieren. ^^
        Gute Reise und Wind in deinen Segeln!

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