Prolog

Ende vorm Anfang

Und täglich grüßt das Murmeltier

Es war irgendwann im Jahr 2011. Die Beziehung mit meiner Freundin war vorbei und ich tat, was alle verantwortungsvollen, gebildeten, jungen Männer in so einer Situation tun: Ich habe mich eine Woche lang betrunken und mit dem Schicksal gehadert. Nachdem ich sieben Tage lang meine Reaktionsfähigkeit im Ganzen eingebüßt hatte, wurde es Zeit für einen Neuanfang. „Wo stehe ich?“. Ich rekapitulierte: Bald 30, abgeschlossenes Studium, kleine Mietwohnung, kein Auto, keine Schulden, aber auch keine Ersparnisse, keine Freundin, keine Kinder – so weit man das eben wissen kann. Einen Job hatte ich auch, ich war Pressesprecher des „Wirtschaftsbund Steiermark“, eine Tätigkeit, zu der ich oft gefragt wurde, wie ich dazu kam. Ich habe keine genaue Erklärung dafür, vermutlich ist es einfach passiert, wie so vieles in meinem Leben einfach passiert ist; Planung war und ist zwecklos. Immerhin hatte ich ein eigenes Büro und auf mein Name stand auf der Tür – eigentlich nicht schlecht, doch irgendetwas fehlte mir. Trotz netter Kolleginnen und einem korrekten Chef, vielen Freunden und jeder Menge Spaß an den (aber nicht nur) Wochenenden fühlte sich mein Leben ein wenig, nun ja, wie nennen wir es am besten, leer an. Vorgezogene Mittlebenskrise. Oder verspätete Pubertät, darüber gehen die Meinungen auseinander, aber egal. Ich hatte zu dieser Zeit einen großen Flachbildfernseher, einen iMac, ein iPad2, ein Smartphone, ein Netbook, eine Videokamera, eine Fotokamera, eine Playstation 3 und tausend anderer, bunter, netter Dinge, die mir das Leben versüßen sollten. Trotzdem sagte eine Stimme in mir, dass ich etwas ändern müsste…

Wenn aus der Raupe eine andere wird

Home Sweet Home

Zwei Jahre zuvor habe ich mich selbst sagen hören: „In etwa zwei Jahren werde ich eine Metamorphose durchlaufen.“ Das war ein seltsamer Moment, denn ich dachte noch „mein Gott, was fasel ich da wieder für einen Stuss zusammen?“. Doch ich habe es vermutlich schon länger gewusst. Zumindest viel länger, als es mir bewusst ist. Ich muss etwas ändern. Nur was? Mein Besitz stellte mich nicht zufrieden, also zog ich mich in meine Profession zurück: Medien. Doch die stellten mich erst recht nicht zufrieden. Wo endet das „reale Leben“, wo beginnt die Medienwirklichkeit? Fragen, die ich mir auch schon während meiner Diplomarbeit gestellt habe. Heute kenne ich die Antwort und sie ist gleichsam einfach wie (für mich) ernüchternd: Alles, was ich nicht originär mit meinen fünf Sinnen erfasse, ist medial vermittelt. Kurzum, mein selbst erarbeitetes Weltbild endet an der Zimmertüre. Dann fiel mir auch noch ein, dass ich bisher nach jeder, wirklich nach jeder Reise erkannt habe, dass meine Erfahrungen vor Ort und die, die ich von sonst woher hatte, drastisch auseinanderwichen. So langsam kristallisierte sich für mich heraus was ich machen möchte. Waren es zuerst noch infantile Reflexe, die mich überlegen ließen mich selbstständig zu machen, um mehr Unabhängigkeit zu erlangen, erkannte ich bald, dass ich größer und weiter denken musste. Ich wollte aus dem „System“ ausbrechen, aber dazu darf man nicht bloß die Seiten wechseln, denn es sind dieselben Seiten ein und derselben Münze. Egal welche Rolle man innerhalb eines Systems einnimmt, man referenziert ständig auf selbiges. Was her musste, war ein Radikalschnitt. Also setzte ich mich nieder und stellte mir mein Leben vor wie ein weißes Blatt Papier. Unbeschrieben. Ohne Vorgaben. „Von Null weg“, wie man so schön sagt.

Frei sein. Will ich das?

Der Anfang vom Ende des Beginns… oder so

Ich stellte rasch und lapidar fest: „Ich bin frei.“ Ich schuldete keiner Bank, keinem Lebenspartner, keinen Kindern, ja nicht einmal mehr meinen Eltern, denn ihre Aufgabe (und meine Schuld) war es, auf ihre Kosten Ausbildung zu genießen und auch abzuschließen. So kam es, dass ich all diese Sichtweisen auf einen einfachen Satz verdichtete: „Ich will reisen und die Welt mit eigenen Augen sehen!“ Es war Ende Juni, ich hatte nur wenige Tage Zeit um mich zu entscheiden, immerhin stellte meine Wohnung den größten Posten meiner Fixkosten dar und die Kündigungsfrist betrug drei Monate. Warum ich mir diese Bedenkzeit eingeräumt habe wusste ich weder damals, noch weiß ich es heute, denn die Entscheidung war schon lange vorher gefallen. Am letztmöglichen Tag warf ich den Brief mit der Kündigung in meiner Arbeit in die Box für ausgehende Post.
Der Lauf der Dinge nahm seine Arbeit auf…
Ich wusste, dass ich einen endgültigen Schlussstrich unter mein „altes“ Leben ziehen musste. Das bedeutete, keine Wohnung, kein Besitz, keine Verträge, kein gar nichts mehr… Wenn man in die Welt hinaus ziehen möchte, dann sollte man auch nicht mehr besitzen, als man selber tragen kann. Übrigens eine schöne Metapher für all jene Besitztumsanhäufer, die ihren Schlund nicht vollkriegen können:  „Das Leichenhemd hat keine Taschen.“ Ja ich weiß, ich schweife ab…

Mein fremddurchwühltes Leben

Wohnungsflohmarkt

Nachdem das Ende meiner Mietherrschaft formal besiegelt war, galt es nun, sich meinem Besitz zuzuwenden. Was braucht ein Mensch um glücklich zu sein? Ich weiß es nicht, aber ich weiß ganz genau was ich brauche, um glücklich zu sein. Und das passt alles in eine Kiste. Mehr blieb auch nicht von fast drei Jahrzehnten Leben. Zuerst veräußerte ich die „dicksten Brocken“, wie TV, Computer etc. Als nächstes veranstaltete ich einen Wohnungsflohmarkt. Zwei Tage lief ich mit Flugblättern durch Graz und bewarb den Ausverkauf dessen, was ich „mein Leben“ nannte. Es ist, nebenbei gesagt, sehr interessant, welche Menschen man trifft, wenn man Wildfremde in seinen Besitztümern kramen lässt. Leute, deren Namen man nicht kennt durchwühlen deine Laden und Kästen, sagen „oh“ und „ah“ wenn sie etwas sehen, das für sie brauchbar sein könnte. Die Geschichten, die ich mit diesen Gegenständen verbinde interessierten nur die wenigsten. Aber das liegt wohl in der Natur der Sache und erschien mir nach kurzer Zeit auch nicht mehr relevant. Was ich erfahren habe hat mich zu dem gemacht was ich bin. Das kann mir niemand mehr nehmen. Doch es war erstaunlich, wie viel „Ramsch“ sich in 30 Jahren Leben und zehn Jahre wohnen am selben Ort ansammeln kann. Der Wohnungsflohmarkt war bei weitem nicht ausreichend um mich von allem zu trennen, daher wurde ich zum aktiven Flohmarktverkäufer und suchte zwei Veranstaltungen auf, um meinen letzten Rest – in Kartons thematisch sortiert – los zu werden. Mittlerweile ging es mir nicht mehr ums Geld, sondern nur noch darum, mich frei zu machen. Ich verschleuderte meinen Besitz und mit jedem Jota Materie das mich verließ, fühlte ich mich einen Kilo leichter. Schließlich blieb mir nur mehr eine Kiste halbvoll mit Erinnerungsstücken, doch selbst diese Kiste habe ich noch einmal durchforstet und ein wenig ausgemistet. Den allerletzten Rest schenkte ich der Caritas, in der Hoffnung, dass diese Güter einen anderen Menschen zufrieden stellen mögen, mich konnten sie es nicht (mehr).

Krebse laufen seitlich vorwärts

Letzte Nacht

Freunde, die von meinem Vorhaben erfuhren, haben im Großen und Ganzen nur zwei Äußerungen von sich gegeben. Die einen fragten „Wieso nicht schon früher?“, die anderen wollten wissen, ob ich vor etwas weglaufe. Zumindest auf die letzte Frage kenne ich nun (m)eine Antwort: „Ich laufe nicht weg, ich weiche aus.“ Was nun durchaus einfältig klingen mag, kann ich dennoch gut erklären. Ich bin von dem Gedanken beseelt, dass wir alle einen Platz in der Gesellschaft einnehmen müssen, doch wir haben nur dieses eine Leben, also sollten wir weise wählen. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die sich für ein Leben entschieden haben, das ganz offensichtlich nicht „ihres“ war. Glücklich blieben all jene, die sich nie Gedanken darüber gemacht haben, dass wir wählen können. Alles. Immer. Jederzeit. Diese Menschen lebten ein Leben in perfekter Symbiose mit dem System, referenzierend auf die „Ohs“ und „Ahs“ ihrer Mitmenschen, in der Annahme, sie machen alles richtig. Wirklich arm waren all jene, die sich irgendwann gefragt haben, was sie da eigentlich machen. Doch diese Frage kam im Leben meist sehr spät und eine Korrektur erschien unmöglich. Natürlich wissen wir, dass man sein Leben jederzeit korrigieren kann, doch je länger man wartet, umso schwieriger wird es. Irgendwann wäre der Berg, den es zu überwinden gilt so hoch, dass man realistischerweise sagen muss, dass mittlerweile die Kraft fehlt ihn zu besteigen. Ich möchte nicht eines Tages aufwachen und feststellen müssen, dass mein Leben voller traumhafter Möglichkeiten war, aber ich einfach nicht zugegriffen habe. Um wieder ein wenig pathetischer zu werden: Gott schaffte uns nach seinem Abbild. Gott ist allmächtig, er kann – sagen wir einmal – Berge versetzen, aber er wird es nicht mit einem Fingerschnippser erledigen können. Er muss es tun, sich aufrichten, arbeiten. Genau so sehe ich es auch. Ich kann mein Leben gestalten wie ich es möchte, doch ich muss es tun. Reden hat noch selten den Lauf der Dinge verändert. Ich laufe also nicht davon, denn ich weiß, dass mich das Schicksal einholen wird. Ich möchte ihm nur lange genug ausweichen, bis ich weiß, was ich will, dann kann ich endlich Frieden schließen und zu dem werden, was ich wirklich bin. Was auch immer das sein möge…

Glück ist nicht zu kaufen

Der Rest

Bisher kann ich folgende Erfahrungen festhalten: Ich vermisse aus meinem ganzen Besitz wirklich gar nichts. Seit Monaten komme ich nun mit dem aus, was ich tragen kann. Das führt mich zu einer Frage: Wieso hortete ich all diese Besitztümer, wenn sie mir doch nicht abgehen? Ich weiß es nicht sicher, auch wenn mich eine Ahnung beschleicht… Die zweite, weitaus fundamentalere Erfahrung, war jene, dass ich, seit ich frei von Besitz bin, mich wie der reichste Mensch auf Erden fühle. Wieso? Weil ich auf einmal erfuhr, was es heißt, Freunde zu haben. So viele Menschen boten mir ein Bett, Hilfe und Information an, dass es in der verbliebenen Zeit unmöglich war, all diese Angebote anzunehmen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich mich auf meine Freunde verlassen kann. Allein diese Erfahrung ließ mich wissen, dass es mir in meinem Leben nie an etwas mangeln wird, denn als ich ohne Habe da stand hat man mir gerne und herzlich gegeben. An dieser Stelle ein wahrlich herzliches „Dankeschön“ an meine Freunde, ihr wisst selbst, wer gemeint ist.

Mit den Wochen des Wartens auf meine Abreise rückte auch immer mehr ein Begriff in den Vordergrund, nämlich der des „Aussteigers“. Ich habe mir die Bedeutung des Wortes nie vor Augen geführt, doch es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass ich das bin. „Outlaw“ ist eine andere Bezeichnung. Es war nie mein dezidierter Wunsch so ein Mensch zu werden, aber wenn mich jemand nun fragen würde, dann würde ich ihm antworten, dass ich mittlerweile abseits des Systems stehe. Und das ist gut so, denn so lange ich nicht weiß wo mein Platz ist, solange möchte ich durch Raum und Zeit reisen, um eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Der Rückbau meines Lebens ist nun abgeschlossen, ich besitze de facto nichts mehr und mir geht es gut dabei. Die Vorstellung, seinen ganzen Besitz in einem Rucksack mitzuführen erfüllt mich mit Frieden. Was auch immer da draußen auf mich warten mag, ich bin bereit es zu erLEBEN!

Das Ende dieser Geschichte ist auch zeitgleich der Beginn einer anderen Geschichte. Die Geschichte meiner Reise…

GSP7 ex

Die wirklich wichtigen Dinge im Leben lassen sich nicht kontrollieren.

 

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11 Gedanken zu „Prolog

    • Danke, danke. Ja dafür ist er ja da, der Blog, zum Mitlesen ;) Nach einigen Performance-Problemen sollte die Seite nun auch viel schneller reagieren. Ich hoffe, damit steigt das Lesevergnügen (sofern es vergnügliche Geschichten werden, die ich hier posten werde).

  1. Hey Grisi,

    habe das hier gerade gelesen und es erscheint mir nicht angemessen einfach „gefällt mir“ zu drücken. Die Zeilen bewegen mich, da ich dich in vielen Punkten sehr gut verstehen kann..ich freue mich, dass du deine Reise machst. Die meisten reden nur davon..bestimmt werden dich die Erfahrungen die du machst reicher machen,..ich finde es sehr gut, das du so mutig bist.. bin froh, dich bald zu sehen!! Liebste Grüße!! Eva.

  2. Hi,Ingo
    also es ist soweit und Du ziehst los.Vergiß den Schal nicht bei diesen Temperaturen…..
    Schau doch auf Deinem Weg nach Norden bei uns vorbei.Würden uns freuen.
    Alles Liebe
    Didi

    • Hi Didi,

      prinzipiell gerne, aber das ist auch ein wenig von den Brummifahrern abhängig, die mich hoffentlich zahlreich mitnehmen werden ;)
      Aber das passt eh alles gut zum Motto meiner Reise: „Man wird sehen“…

  3. Oh Captain my captain…….

    Lieber Ingo,
    mit feuchten Augen etwas zu schreiben ist gar nicht mal so einfach, glaub mir das.

    Das hat zweierlei Gründe:

    1)Hier die Wahrheit zu lesen, die ich nun selber schon seit so vielen Jahren tief in meinem Inneren spüre;
    Einerseits diese Leere, dieses selbstbetäubte Nichts tief in einem drinnen, andererseits diese unterdrückte Sehnsucht, die Sehnsucht nach Leben.
    Tja Ingo, ich denke mir, dass wir uns ähnlicher sind als wir dachten……

    2)Doch du hast den Mut aufgebracht DEINE Reise, die Reise deines Lebens, die Reise zu dir oder in dich selbst anzutreten! Vor deinem Mut ziehe ich den Hut!

    Ja Ingo, es ist ein Abschied, doch hoffe ich, dass dieser Abschied nicht endgültig ist. Ich hoffe, dass dich deine Erfahrungen auf deiner Reise eines Tages wieder in unserer Mitte führen werden!

    Ich wünschte ich hätte diesen Mut, ich wünschte ich hätte das Herz…………..

    • wow, ich bin sprachlos… außer: Danke für deine offenen Worte, dafür benötigt es nicht minder Mut. Wir sehen uns bestimmt wieder, wenn nicht hier, dann an meiner Strandbar auf Jamaika ;)

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